Dem Sturmtief zeigen, was ne Harke ist

Der Wetterbericht vom Mittwoch verheißt nichts Gutes: Ein Sturmtief mit 985 hPa und Windgeschwindigkeiten von bis zu 50 Knoten über Estland, schnell nordwestziehend. Und ich immer noch auf Christiansö, gute 60 Meilen südlich der schwedischen Küste und von Öland. Der am Morgen noch volle Hafen wird auf einmal ganz schnell leer, die meisten Segler verholen in die sturmsicheren Häfen von Bornholm – für mich die falsche Richtung.

Letztes Jahr war ich schon einmal mehrere Tage hier eingeweht (siehe Logbucheintrag 19.-21. September). Wenn ich jetzt hier bleibe, werde ich so schnell nicht mehr wegkommen – so viel steht fest. Stefan, mein Mitsegler, hat sich entschieden, die nächste Fähre nach Bornholm und Kopenhagen zu nehmen und von dort mit dem Zug den Heimweg anzutreten.

Ich teste zum ersten Mal meine neue Wettersoftware: GRIB-View 2 von WetterWelt (www.wetterwelt.de) – sehr zu empfehlen! Die per Email zugeschickten GRIB-Daten vermitteln nicht nur ein zuverlässiges, sehr detailgetreues Bild der Wetterlage (Wind, Böen, Wetter, Seegang uvm), sie liefern auch hochaufgelöste Wetterkarten und eine in 6-Stunden-Intervalle gestaffelte Vorhersage. Im Moment herrscht hier die sprichwörtliche „Ruhe vor dem Sturm“: etwas drückend, schwachwindig, umlaufend. Gegen Abend soll der Wind zunehmen, über Nacht westlich kommen und dann richtig aufdrehen.

Ich muss hier weg, will den geschützten Kalmarsund erreichen bevor es losgeht. Ich mache klarschiff, koche Kartoffeln, schmiere Butterbrote, verabschiede mich von Helle, mit der ich gestern Abend noch nett gegrillt habe – und warte. Kurz nach 17 Uhr setze ich bei diesigem Wetter und Süd um drei die Segel und kreuze aus der engen Hafeneinfahrt, runde Christiansö und gehe auf 30 Grad – Kurs Öland. Eigentlich wollte ich mir dieses Jahr Utklippan, einen kleinen, vorgelagerten Nothafen auf einer Außenschäre der Hanöbucht, anschauen – aber auch von dort würde ich im Zweifel nicht mehr wegkommen. Außerdem ist Erik (der letztes Jahr schon mit mir von Tallin nach St. Petersburg gesegelt ist) mit seinem grauen ELEFANT (VW-Bus) schon auf dem Weg nach Kalmar und wartet dort.

Gegen Abend muss ich BOMBER, mein Schlauchboot, bergen – ab 6 Knoten Fahrt im Schiff saugt es sich in der Heckwelle fest, bremst und nimmt Wasser. Dann geht es bei zunehmender Heckwelle raumschots in die helle Nacht hinein. Hinter mir wird es schwarz, gegen Mitternacht zucken über Bornholm die ersten Blitze – aber da bin ich schon auf halbem Weg nach Schweden. Meine neue Windsteueranlage, eine beaufort aus Frankreich (www.asmer.fr) macht sich hervorragend: Nachdem ich im letzten Jahr mit einer selbstgebauten, insgesamt zuverlässigen, aber oft von Ausfällen geplagten Windfahne unterwegs war habe ich dieses Jahr aufgerüstet – ich werde hier in den nächsten Tagen einen ausführlichen Anwenderbericht schreiben und das Ding ausführlich vorstellen…

Außerdem habe ich mir in Swinemünde eine neue Batterie geleistet (Stefan, noch mal Danke für den Transport!) – aber meine Schalter sind wegkorrodiert, die gesamte Elektrik spinnt. Ich schließe das Topplicht direkt an die Batterie an, lasse meine Handfunke auf Kanal 16 mitlaufen und begebe mich wieder in meinen schon im letzten Jahr bewährten Intervallschlaf: alle 20 Minuten scheppert die Eieruhr. Die Ostsee ist soo groß, TADORNA so klein – trotzdem findet mich einer dieser großen Frachter, als ob ich magnetisch wäre. Erst als ich ihn über Kanal 16 mit einem Securité-Anruf auf mich aufmerksam mache wird der Steuermann plötzlich wach und dreht ab – der Reeder von PIERRE aus Majuro (wo ist das eigentlich?) sollte seiner Crew mal eine Kaffeemaschine spendieren und sie auffordern, ihr Radar im Auge zu behalten.

Es wird ein schneller Ritt, bei zunehmendem Wind und Geschwindigkeiten von bis zu 9 Knoten rutsche ich direkt vor der Front, die dunklen Wolken immer achteraus im Kielwasser, in den Kalmarsund hinein. Gegen zehn Uhr morgens passiere ich Kalmar-Schloss und laufe bei strahlendem Sonnenschein unter Segeln in Ölandshamn ein, die moderne Marina mitten in der hübschen Innenstadt von Kalmar. Ich drehe eine Runde im völlig überfüllten Hafenbecken und berge das Groß – dann fängt es an zu schütten. Die fünf Minuten, die ich brauche, um unter Fock neben PAPILLON und einer Maxi 95 aus Hamburg längsseits zu gehen, reichen um mich einmal richtig nass zu machen…